Brav und bieder, solide und spießig und auf der Hutablage ein Wackel-Dackel oder schlimmer noch eine umhäkelte Rolle Toilettenpapier – so erfolgreich der 1972 erstmals eingeführte Audi 80 auch gewesen sein mochte, so emotionslos, langweilig und verstaubt wirkten Limousine und Avant noch Anfang der 1990er Jahre. Deshalb nahm die vornehme VW-Tochter 1994 einen radikalen Kurswechsel vor und wagte nach vier Generationen Audi 80 buchstäblich einen Neuanfang. Denn die fünfte Auflage der Mittelklasse-Baureihe (intern als B5 geführt) bekam nicht nur ein grundlegend erneuertes Design für Karosserie und Innenraum, sondern zum Zeichen des Aufbruchs auch einen neuen Namen und ging deshalb im Kampf gegen das Spießerimage von Audi als A4 an den Start. Der Verkauf begann zunächst mit der Limousine, der dann 1996 ein auch weiterhin „Avant“ genannter Kombi folgte. Parallel dazu verkaufte Audi die Cabrio-Variante des Vorgängers noch bis Sommer 2000 weiter.
Mit einem aufwändigeren Fahrwerk ausgestattet und wie immer wahlweise als Fronttriebler oder als quattro mit Allrad-Antrieb lieferbar, gab es den A4 zunächst mit 6 Zylindern aus dem großen Bruder A6 und neuen Vierzylinder-Motoren. Später folgten die Sportmodelle S4 und RS4 Avant, so dass die Leistungsspanne über die Laufzeit von 75 PS für den schwächsten Diesel bis 380 PS für den stärksten Benziner reichte. Eine Sonderstellung markierte der Audi Duo von 1997 der als erstes Serienmodell aus Europa mit einem Hybrid-Antrieb angeboten wird. Allerdings war die Kombination aus einem 90-PS-Diesel und einem 29 PS starken E-Motor mit 60.000 DM so teuer, dass der Wagen bei den Kunden durchfiel und die Produktion nach nur etwa 100 Autos wieder eingestellt wurde.
Neues Jahrtausend, neue Generation
Pünktlich zum Jahrtausendwechsel brachte Audi die zweite Generation des A4 an den Start. Intern als B6 geführt, ging die neue Baureihe deutlich in die Länge, streckte sich um sieben Zentimeter und übernahm die etwas rundlichere Designlinie des großen Bruders A6.
Im Laufe seiner Modellkarriere fuhr der A4 dieser Generation mit Benzinern von 1,6 bis 3,0 Litern Hubraum und 102 PS bis 220 PS, die Diesel von 1,9 bis 2,5 Litern Hubraum leisteten 100 PS bis 280 PS. Dabei zählte unter anderem die stufenlose Automatik „multitronic“ zu den großen Innovationen des Generationswechsels.
Der Limousine folgten im Jahr 2001 der Avant und 2002 auch wieder ein Cabrio, das gegen Erfolgsmodelle wie den offenen BMW Dreier, den Mercedes CLK und den Saab 9-3 antrat. Es wurde bei Karmann produziert, war schon von weitem an seinem silbernen Rahmen für die Frontscheibe zu erkennen und wurde erstmals serienmäßig mit einem voll elektrischen Verdeck ausgestattet. Auch die damals noch Quattro GmbH genannte Sportabteilung von Audi nahm sich der Baureihe erneut an und legte einen S4 mit einem 344 PS starken V8-Motor auf, sparte sich aber diesmal das RS-Modell.
Ab 2004 mit Single Frame-Grill
Nur vier Jahre nach dem Start wurde der A4 im Jahr 2004 so tiefgreifend überarbeitet, dass ihm Audi zumindest intern ein neues Kürzel gab und das Trio aus Limousine, Avant und Coupé als B7 führte. Von außen war der neue Wagen vor allem am sogenannten Single-Frame-Kühlergrill zu erkennen, den die Ingolstädter mit der Premiere des A8 zum Familiengesicht erkoren hatten. Innen dagegen blieb der A4 bis auf Details im Cockpit und die Sitze ganz der Alte. Dafür aktualisierte Audi die Motorenpalette, bot erstmals einen auf 3,0 Liter Hubraum aufgebohrten V6-Diesel mit Common-Rail-Technik an und krönte die Modellreihe mit einer RS4-Limousine. Sie fuhr mit einer erstarkten Version des 4,2 Liter großen V8-Motors und kam statt der 344 PS im S4 auf 420 PS. Zwar hatte auch der B7 nur eine kurze Laufzeit und wurde 2008 schon wieder eingestellt. Doch ist die Karriere für die Konstruktion damit noch nicht vorbei. Audi verfrachtete die gesamte Produktion in nur acht Wochen nach Spanien und baute den B7 dort noch fünf Jahre lang als nahezu identischen Seat Exeo weiter.
Ab 2008 gehen Vernunft und Vergnügen getrennte Wege
In Ingolstadt dagegen begann Ende 2007 die Ära des B8, die nicht zuletzt für eine neue Familienpolitik stand. Denn noch bevor Audi die vierte A4-Generation präsentierte, enthüllten die Bayern bereits im Frühjahr 2007 den A5, der künftig für die leidenschaftlicheren Karosserievarianten der Familie stehen sollte. Als Meisterstück des damaligen Designchefs Walter de Silva gefeiert, gab es ihn zunächst als Coupé und ab 2009 dann auch als Cabrio sowie erstmals als Sportback mit vier Türen und Fließheck.
Während der A5 den vergnüglichen Verführer gab, bediente der neue A4 die Vernunft und wollte sich als Praktiker gegen BMW 3er und Mercedes-Benz C-Klasse behaupten. Dabei setzte Audi neben der Form vor allem auf das Format. Im Zuge des Generationswechsels hatten die Bayern den A4 auf 4,70 Meter verlängert und den Radstand gleichzeitig auf 2,81 Meter gestreckt, weil unter anderem die Vorderachse um rund 15 Zentimeter weiter in den Bug gewandert war. Die neuen Abmessungen ermöglichten einen vergrößerten Innenraum und ein Gepäckabteil, das mit einem Fassungsvermögen von 480 Litern eine neue Bestmarke im Wettbewerbsumfeld markierte. Wem das nicht genügte, der bekam ab 2008 auch wieder einen Avant. Und quasi als Ersatz für das Cabrio erweiterte ab 2009 erstmals ein A4 Allroad die Familie. Mit mehr Bodenfreiheit und robusten Anbauteilen schlug dieser Geländekombi die Brücke zu den immer populärer werdenden SUV.
Zu den technischen Highlights der Baureihe zählten unter anderem markante Scheinwerfer mit Xenontechnik und LED-Tagfahrlicht sowie Assistenzsysteme für Spurführung und Spurwechsel und der Tempomat zur Abstandsregelung. Beim Antrieb setzte Audi auf Benziner von 1,8 Liter und 120 PS bis 3,0 Litern und 272 PS sowie Dieselmotoren mit 2,0 bis 3,0 Litern und 120 bis 245 PS, die ihre Kraft wie üblich an die Vorderachse oder an alle vier Räder abgaben. Alternativ zu Handschaltung, Automatik und Multitronic gab es fortan auch ein Doppelkupplungsgetriebe. Die quattro GmbH steuerte zwei weitere Modelle bei: Den S4 mit einem 333 PS starken V6-Kompressor und den RS4 mit einem 4,2 Liter großen V8, der bis 450 PS leistete.
Ab 2015 aus dem MLB
2015 ging der A4 als B9 in die fünfte Generation und wechselte technisch dabei in den Modularen Längsbaukasten (MLB) des VW-Konzerns. Das Format änderte sich deshalb einmal mehr, das Auto wuchs vor allem innen und wurde obendrein bis zu 120 Kilogramm leichter. Doch um die Form wollte Audi möglichst wenig Wind machen: Im übertragenen Sinn, weil das Design eher evolutionär weiterentwickelt wurde, und im wörtlichen, weil sich der A4 mit einer betont strömungsgünstigen Karosserie zum cw-Meister in seinem Segment aufschwang. Obwohl die Leistung zum Teil um 25 Prozent stieg, wurden die Limousine und der erstmals zeitgleich gestartete Avant deshalb beim Generationswechsel um bis zu 21 Prozent sparsamer.
Über den MLB bekamen die Entwickler des A4 zudem Zugriff auf viele neue und in dieser Klasse einzigartige Technologien. So kann man die Mittelklassebaureihe als erste mit einem virtuellen Cockpit bestellen, auf dem Mitteltunnel gibt es ein Touchpad, aus der Front strahlen gleich zwei unterschiedliche LED-Scheinwerfer-Systeme und die Liste der Assistenzsysteme ist so umfangreich, dass zum autonomen Fahren nicht mehr viel fehlt.
Beim Antrieb begann Audi zunächst mit drei Vierzylinder-Benzinern und vier TDI-Motoren, zu denen auch ein V6 zählte. Damit decken die Bayer schon in der Startaufstellung für die Otto-Fraktion eine Palette von 150 PS bis 252 PS ab und boten bei den Dieseln die Wahl zwischen ebenfalls 150 PS und 272 PS. Und da sind der S4 mit einem 354 PS starken V6-Motor und der mittelfristig fest eingeplante RS4 noch nicht dabei. Außerdem gibt es den A4 zumindest als Avant unter dem Namen g-tron auch mit einer Erdgas-Umrüstung und beim Allroad führen die Bayern zugunsten des Verbrauchs erstmals einen intelligenten, weil elektronisch zuschaltbaren Allradantrieb anstelle des permanenten Quattros ein.